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Autor: Dr. Wolfgang Martin
Letzte Aktualisierung: 21.12.2015

Roadmap zur Digitalisierung: Über die Rolle des Chief Data Officer

Denkt man an digitale Unternehmen, dann denkt man sofort an Amazon, Apple, Google, Facebook und Co. Deren Vorteil war es sicherlich, dass sie als digitale Unternehmen entstanden sind. Die haben also nie eine digitale Transformation durchgemacht. Daher kann man (leider) von diesen Unternehmen nicht unbedingt lernen, wie eine Roadmap einer digitalen Transformation aussehen könnte oder sollte. Wirkliche Vorbilder in Sachen digitaler Transformation gibt es also noch nicht. Daher müssen wir anders vorgehen.

Die digitale Transformation

If Data is King and Context is Queen then Culture is the Throne. (Yuval Dvir, Strategy Head of Google) (1)
 
Digitales Unternehmen.
Aus einem traditionellen Unternehmen entsteht ein digitales Unternehmen durch digitale Transformation. Das bedeutet konkret, dass Informationstechnologie nicht mehr nur die Funktion von Support-Prozessen hat, sondern der Innovation des Geschäftsmodells und der Geschäftsprozesse dient. Neue digitale Geschäftsmodelle und Prozesse bedeuten neue Umsatzquellen und disruptive Wettbewerbsvorteile. Das Produktportfolio wird durch digitale Produkte ergänzt, und Information wird als strategischer Vorteil genutzt. Mit anderen Worten: Das Unternehmen erfindet sich neu. Die zweite wesentliche Eigenschaft eines digitalen Unternehmens ist: Es beherrscht digitale Kommunikation: Immer wieder neu entstehende Medien und Kanäle werden kontinuierlich in die Unternehmenskommunikation mit allen Geschäftspartnern und auf allen Ebenen integriert. Nur so kann man digitalen Kunden folgen und alle Spuren in der digitalen Welt aufspüren. Ein digitales Unternehmen zeichnet sich weiterhin durch Industrialisierung, Agilität, regelkonformes (Compliance) und smartes Verhalten aus. Es basiert auf einem umfassenden Ansatz zu einem service-basierten Geschäftsprozess-Management, das auf Information Management, Performance Management und Analytik aufbaut. [Martin, 2015]

Schaut man sich die Definition oben an, dann fallen einem die Hauptdomänen sofort auf, wo die digitale Transformation ansetzt:
  • innovative Geschäftsmodelle
  • digitale Kommunikation mit Markt, Kunden und Geschäftspartnern
  • Digitalisierung der Produkte und Dienstleistungen sowie von deren Prozessen
  • Transformation der IT-Architektur, um diese Anforderungen zu unterstützen
Daraus folgt: Die digitale Transformation ist keine reine IT-Aufgabe. Daher reicht es nicht, den CIO zum Treiber der digitalen Transformation zu machen. Es ist die Aufgabe der gesamten C-Riege, denn alle Unternehmensbereiche sind betroffen.
 
Wenn alle betroffen sind, wo fängt man denn da am besten an? Schauen wir dazu noch einmal in die Definition: Information Management macht den Kern eines digitalen Unternehmens aus! Denn es soll ja alles datengetrieben und datengesteuert im digitalen Unternehmen ablaufen: von der Entscheidungsfindung bis zur Umsetzung in digitalen Produkten und Dienstleistungen sowie digitalen Prozessen. Mit anderen Worten, eine digitale Transformation beginnt beim Information Management.
 
Wer sollte also innerhalb der C-Riege die digitale Transformation treiben? Der, der die Verantwortung für das Information Management und damit für Information und Daten hat. Also doch der CIO? Halt, hat der CIO die Verantwortung für die Daten und ihre Inhalte, auf die es ja ankommt, wenn man ein datengesteuertes, also digitales Unternehmen sein will? Nein, hat er in der Regel nicht, denn diese Verantwortung liegt verstreut über die Fachabteilungen. Das Marketing verantwortet die Marktdaten, der Vertrieb die Vertriebszahlen, die Produktion die Produktionszahlen usw.
 
Denn bei der Frage „Wem gehören die Daten?“ wurde häufig und wird immer noch der Fehler gemacht, denjenigen zum Datenbesitzer zu machen, der mit den Daten in einem Prozess oder einer Applikation arbeitet. Das stimmt leider so nicht, denn ein und dieselben Daten werden in einem digitalen Unternehmen von mehreren Prozessen oder Applikationen genutzt. Daher ist es absolut notwendig, die Frage der Eigentümerschaft von Daten und von Prozessen und Applikationen zu trennen: Prozesse, Applikationen und Daten sind unabhängig voneinander oder anders gesagt: Der Besitzer einer App oder eines Prozesses ist nicht notwendigerweise auch Besitzer der von der App genutzten Daten.

Wenn man also eine digitale Transformation einleiten will, dann muss hier als Erstes aufgeräumt werden. Die digitale Transformation beginnt daher mit der Etablierung eines Chief Data Officer (CDO, auch Chief Digital Officer genannt).
 
Was tut ein Chief Data Officer?
Der CDO hat die Verantwortung, die digitale Transformation durch die Digitalisierung von Information Management einzuleiten und zu treiben. Das bedeutet insbesondere, Daten zu erfassen, zu managen, zu schützen und zu Geld zu machen. Seine Rolle lässt sich folgendermaßen beschreiben: Er/Sie
  • ist Teil der C-Riege und bringt Daten in den Fokus der C-Riege
  • entwickelt und verantwortet Vision und Strategie des Daten-Managements, insbesondere des Managens von Daten wie ein Anlagegut
  • hat die Koordination des unternehmensweiten Enterprise Information Management (EIM)
  • etabliert Standards, Regeln und Organisation für EIM (Wissen, wo welche Daten sind und wo sie herkommen!)
  • etabliert Datenmetriken und berichtet entsprechend an die Kollegen auf dem C-Level
  • managt Data Governance
  • managt Compliance (Datensicherheit und Schutz, Daten-Ethik)
  • managt Datenqualität
  • managt BI, DW und Kennzahlen
  • managt Stammdaten-Management, Metadaten-Management und Daten-Modellierung
  • etabliert Big Data Management (inklusive dem Managen von unstrukturierten Daten und von Datenströmen)
  • verantwortet die 360-Grad-Kundensicht
  • koordiniert Data in the Cloud
  • verantwortet das Training und die Entwicklung von intellektuellem Kapital in Sachen EIM
  • koordiniert die Technologien für Information Management inklusive Big Data Management

Abbildung: die Komponenten von Information Management. Die Grundlage ist Informationslebenszyklus-Management, auf der Datenintegration, Stammdaten-Management und Datenqualitäts-Management aufsetzen. Information Governance stellt die umfassende Klammer dar, die die Prozesse des Informationsmanagements mit der Organisation und den Rollen verbindet.
 
Im Rahmen seiner Rolle verantwortet und managt ein CDO die Data Scientists, die Data Stewards und die Daten-Service-Anbieter.
  • Data Scientists stellen die Verbindung zu den Business Analysts in den Fachabteilungen her, sollen die Verarbeitung von Big Data fördern und helfen, die Potenziale von Big Data auch zu realisieren. Sie treiben als Mittler zwischen der IT und den Fachabteilungen den weiteren Ausbau der Zusammenarbeit quer über alle Geschäftseinheiten inklusive der IT. Das erfordert neue Skills und eine Neuorientierung, denn ein digitales Unternehmen legt ja den Hauptfokus auf Information Management.
  • Data Stewards stellen die Verbindung zu den Fachbereichen her und sind über die Information Governance eingebunden. Sie sollten eine führende Rolle bei der Entwicklung von Datendefinitionen einnehmen. Sie sorgen vor allem für Transparenz der Daten und sollen aufzeigen, welche Probleme dem Gesamtunternehmen durch mangelhafte Datenqualität entstehen und wie man die Fachabteilungen in Sachen Datenqualität unterstützen kann. Sie haben insofern die Verantwortung für die Unternehmensdaten und damit eine horizontale Sicht über alle Daten.
  • Daten-Service-Anbieter stellen externe Daten wie demografische, soziografische, firmografische, geografische, statistische und auch andere Daten zur Verfügung. Der CDO agiert hier als Einkäufer, um solche zuverlässigen und qualitativ hochstehenden Daten dem Unternehmen als Ganzes und den Fachbereichen zur Verfügung zu stellen.
Die digitale Transformation einzuleiten und zu treiben ist also in erster Linie eine organisatorische, kulturelle und politische Aufgabe. Allerdings geht es natürlich auch nicht ohne Technologien. Dazu gehören alle bekannten Technologien des Information Management. Zur Erinnerung, Information Management besteht aus den drei Säulen Datenintegration, Stammdaten-Management und Datenqualitäts-Management auf der Basis von Informationslebenszyklus-Management und miteinander verbunden durch Information Governance (siehe Abb.). Insofern braucht man auch die entsprechenden Technologien für alle Komponenten. Da kann man entweder zu Gesamtlösungen greifen, die von den „großen“ Anbietern wie IBM, Informatica oder Tibco angeboten werden, oder zu den jeweiligen Spezialisten, die in einer oder auch mehreren Säulen spezialisierte Lösungen anbieten. Interessant sind hier insbesondere Unternehmen, die mit neuen Ansätzen sich hier erfolgreich in Nischen setzen wie Denodo und Mulesoft in die Datenintegration oder Uniserv mit angestammter Stärke im Datenqualitäts-Management und jetzt mit neuen Ansätzen im Kundenstammdatenmanagement. Einen recht umfassenden Überblick zu Technologien für Information Management findet man beispielsweise bei Martin [2015].
 
Wie unterscheiden sich CDO und CIO?
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Rolle des CDOs die des CIOs ergänzt:
  • Der CIO verantwortet die IT und unterstützt das Business durch IT. Er ist im Rahmen der digitalen Transformation insbesondere für die Transformation der IT-Architektur verantwortlich (und damit sicher auch ausgelastet)
  • Der CDO motiviert und initiiert die Nutzung von Daten in den Fachabteilungen und hat vor allem eine horizontale, fachabteilungsübergreifende Sicht auf Daten
Der CDO ist in diesem Sinne auch der Mittler zwischen CIO und CMO. Der CDO unterstützt insbesondere den CMO durch das Bereitstellen der „richtigen“ Daten, sodass der sich auf seine Marketing-Aufgaben im Rahmen der digitalen Transformation konzentrieren kann.
 
Was wird aus dem CDO nach der digitalen Transformation?
Der CDO ist also der eigentliche Wandler eines Unternehmens in ein digitales Unternehmen (siehe auch [McKinsey, 2015]). Daher ist es auch nicht überraschend, dass sich die Anzahl der CDOs von 2013 auf 2014 verdoppelt hat, und sie soll sich in 2015 nochmal verdoppeln [Greenberg, 2015]. Das unterstreicht auch Forrester Research, der in seinen Trends 2016 einen Machtzuwachs des CDOs sieht. Es ist hier aber noch mal zu betonen, dass Unternehmen, die gleich als digitale Unternehmen entstanden sind, in der Regel keinen CDO haben [Baker, 2015], denn hier braucht ja einerseits auch kein Wandel stattzufinden und andererseits existiert dann ein funktionierendes Information Management als Basis des digitalen Unternehmens.

Das bedeutet aber auch, dass bei vollzogener digitaler Transformation es auch eine Aufgabe des CDOs ist, sich selbst abzuschaffen. Die Abschaffung der Rolle des CDO ist gleichsam die beste Metrik, den Erfolg eines CDOs zu messen. Ein so erfolgreicher CDO wird dann häufig als CEO berufen, wie die bekannten digitalen Unternehmen zeigen. Jeff Bezos von Amazon gibt ein gutes Beispiel dazu. Companies looking to begin or continue their digital transformation will benefit from considering five questions to help determine whether a CDO is necessary:
  • Is the marketplace where I compete undergoing—or vulnerable to—significant changes that are reshaping value?
  • Is my company ready to move beyond basic digital experiments and embark on a fundamental and integrated transformation of the business?
  • Is my company ready to signal its digital-transformation efforts to audiences both internal and external?
  • Do we need a disruptive perspective from someone who can objectively and credibly challenge the status quo with a “digital first” mind-set?
  • Does the current leadership team have the capacity to steward the digital transformation and support this new role?
Fazit:
Digitale Transformation bedeutet einen organisatorischen und kulturellen Wandel im Unternehmen. Zu adressieren sind die vier Hauptdomänen, die ein digitales Unternehmen ausmachen: Innovation der Geschäftsmodelle, digitale Kommunikation mit Markt, Kunden und Geschäftspartnern, Digitalisierung der Produkte und Dienstleistungen sowie von deren Prozesse und schließlich die Transformation der IT-Architektur, um diese Anforderungen zu unterstützen. Die Voraussetzung zu einer erfolgreichen digitalen Transformation ist ein digitalisiertes Information Management. Das sollte auch der Ausgangspunkt einer digitalen Transformation sein, denn das Ziel der Digitalisierung ist ja, ein daten-gesteuertes Unternehmen zu werden. Daher muss ein Treiber des digitalen Wandels in der C-Riege etabliert werden, der bei dieser Digitalisierung des Information Management ansetzt: der Chief Data Officer. Er ist der eigentliche Wandler des Unternehmens, und er hat seine Rolle dann hervorragend gespielt, wenn er sie im digitalisierten Unternehmen abschaffen kann. Er wird dann vielfach als neuer CEO berufen.
 
Verwendete Abkürzungen:
BI        business intelligence
CDO   Chief Data Officer (oder auch Chief Digital Officer)
CIO     Chief Information Officer
CMO   Chief Marketing Officer
DW      data warehouse
EIM     enterprise information management
(1) ODBMS.org  http://www.odbms.org/2015/11/if-data-is-king-and-context-is-queen-then-culture-is-the-throne/ …, Zugriff am 23.11.2015.

Dr. Wolfgang Martin

Experte: Herr Dr. Wolfgang Martin

Dr. Wolfgang Martin ist ein europäischer Experte und Analyst auf den Gebieten • Business Intelligence, Analytik, Big Data • Information Management, Information Governance • CRM (Customer Relationship Management) • Cloud Computing (PaaS, SaaS) Sein Spezialgebiet sind die Wechselwirkungen technologischer Innovation auf das Business und damit auf die Organisation, die Unternehmenskultur, die Businessarchitekturen und die Geschäftsprozesse. Er ist Mitglied im BBBT (Boulder BI Brain Trust) (www.BBBT.us), iBonD Partner(www.ibond.net), Research Advisor am Institut für Business Intelligence der Steinbeis Hochschule Berlin (www.i-bi.de) und Mitglied des CRM Expertenrates (http://www.crm-expert-site.de/expertenrat/main_expertenrat.cfm?site=rat). Vor der Gründung des Wolfgang MARTIN Teams in 2001 war Dr. Martin über fünf Jahre bei der META Group, zuletzt als Senior Vice President International Application Delivery Strategies.

E-Mail: wolfgang.martin@wolfgang-martin-team.net

Internet: http://www.wolfgang-martin-team.net



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